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Sondersendung zum Nazi-Aufmarsch am 16.09.06 Widerspruch gegen Studiengebühren Hertz-87,9-Korrespondenten verhaftet: die Chronologie Offener Brief Das neue Studierendenparlament 2006/07 Der neue Senat 2006/07 Wer zur Wahl stand im Juni 2006
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Seminar erarbeitet Argumente gegen Studiengebühren
Kurz bevor am Mittwoch Studiengebühren für die Uni Bielefeld beschlossen worden sind, haben sich Studierende mit vier offenen Briefen an den Rektor und den Senat der Universität gewandt. Der Inhalt der Briefe lieferte deutliche Gründe gegen Studiengebühren. Die Schreiben kamen von elf Studierenden. Das Besondere: Sie hatten die Briefe als Übung in einem Seminar an der Uni Bielefeld verfasst.
Nachfolgend dokumentiert Hertz 87,9 die Briefe:
Tischvorlage für die Senatssitzung am 12.7.2006
Stellungnahme von Studierenden der LiLi-Fakultät zu Studienbeiträgen
In ihrer Ausgabe 222/2006 veröffentlichte die Bielefelder Universitätszeitung einen Brief des Rektors zum Thema „Studienbeiträge“. Dieser Brief wurde vor kurzem in in einem Seminar an der LiLi-Fakultät diskutiert und wegen seiner einseitigen Argumentation kritisiert. Wie die Sicht des Rektors auf betroffene Studierende wirkt, zeigen exemplarisch die nachfolgend wiedergegebenen Reaktionen. Sie machen deut-lich: Der Senat der Universität Bielefeld täte gut daran, bei seiner, vermutlich dem gegenwärtigen Mei-nungstrend folgenden Entscheidung für die Einführung von Studienbeiträgen den negativen Konsequen-zen einer solchen Entscheidung ernsthaft entegenzuwirken und den bisher ungeklärten Fragen genügend Aufmerksamkeit zu schenken. W. Kindt
Sehr geehrter Herr Timmermann,
sicherlich ist es schwer, den Hochschulbetrieb zu finanzieren, zumal die Landesregierung momentan an-scheinend alles daran setzt, ihre Wahlversprechen nicht einzuhalten und sich aus der Hochschulfinanzie-rung zurückzuziehen.Doch auch so – ohne Studienbeiträge – ist es heute schwer, sich ein Studium zu fi-nanzieren, da auch das vielgepriesene Bafög nicht für alle Studierenden zugänglich ist und ohnehin seit Jahren nicht mehr an die stetig steigenden Lebenshaltungskosten angeglichen wurde.
Ferner bitten wir Sie zu bedenken, dass die Bundesregierung ebenfalls den Studierenden sehr entgegenar-beitet. Wie Sie wissen, wird ab dem nächsten Jahr das Kindergeld nur noch bis zur Vollendung des 25. Lebensjahrs gezahlt – einer Phase, in der viele aufgrund des nahenden Abschlusses mehr denn je auf fi-nanzielle Unterstützung angewiesen sind. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer erwähnen wir jetzt nur am Rande, da alle davon mehr oder weniger empfindlich getroffen werden. Doch trifft es Studenten eher här-ter, da sie nur selten zu den Großverdienern zählen.
Natürlich verstehen wir, dass Sie sich unter Zugzwang sehen, Studienbeiträge an der Universität Bielefeld möglichst bald zu erheben, da die finanzielle Lage im Bildungssystem recht prekär ist. Doch bedenken Sie, dass eine Vorreiterstellung nicht immer positiv gezeichnet sein muss: Die Universität Münster schlägt hier einen Weg in die richtige Richtung ein, indem sie Studienbeiträge unter den momentanen Bedingungen ablehnt. Der Wettbewerb kann auch gefördert werden, wenn keine Studienbeiträge erhoben werden und somit die Elite in Betracht zieht, in Bielefeld zu studieren. Daher unterstützen wir es, dass die Hochschulen ihre Studierenden selber auswählen sollen. Durch diese Maßnahme wird der Wettbewerb erheblich mehr gefördert als durch das – eher schwammige – Argument, dass es gerade die Studienbeiträ-ge sind, die den Wettbewerb fördern.
Schon jetzt fehlen Akademiker vielerorts. Doch der Mangel wird durch Studienbeiträge eher weiter ver-schärft. Diejenigen, die unter diesen Bedingungen noch ein Studium aufnehmen, werden eher Fächer wie BWL und Medizin wählen, da diese allgemein als „perspektivenreich“ angesehen werden. Doch werden dabei wohl viele Kulturwissenschaften auf der Strecke bleiben, da wohl kaum jemand ein Studium, für das er bezahlen soll, aufnehmen wird, wenn es nicht völlig klare Vorstellungen bezüglich der Perspektive hat, was bei den Geisteswissenschaften vor allem zu Beginn des Studiums häufig der Fall ist.
Letztlich leidet also auch unsere gesamte Kultur darunter und kommende Generationen werden nur noch pragmatisches und erheblich weniger kulturelles Wissen vermittelt bekommen. Doch Sie werden sicher sehen, dass das nicht im Sinne der Gesellschaft - und der Bildung von uns Jetzt-Studierenden und späte-ren Jahrgängen - sein kann.
Daher bitten wir Sie, die Entscheidung zugunsten der Studienbeiträge neu zu überdenken, da nicht zuletzt auch das zuvor von Ihnen geforderte Modell zur Sicherung der Studienfinanzierung mittels Stipendien und Krediten bei weitem noch nicht zufriedenstellend ist.
Mit freundlichen Grüßen
Natalie Velibeyoglu & Sebastian Temme
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Timmermann,
der von Ihnen suggerierten Alternativlosigkeit können wir so nicht zustimmen. Es entsteht der Eindruck, mit Studienbeiträgen würde auf einen Schlag alles besser werden. Der Standard der deutschen Lehre ist über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, stetig gesunken. Studienbeiträge werden keinen plötzlichen Turn-Over generieren können. Besonders stört uns, allesamt Studenten im 4. Semester, dass wir zahlen dürfen, aber von den prophezeiten Veränderungen vor dem Ende unseres Studiums nicht profitieren wer-den. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, und neue Seminarräume entstehen nicht über Nacht.
Bevor die Studierenden ihr Studium aus eigener Tasche bezahlen, sollte darüber nachgedacht werden, in Kooperation mit der freien Wirtschaft private Finanzierungshilfen in Anspruch zu nehmen. Aus Ihrem Brief wird nicht ersichtlich, warum diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen ist.
Mit freundlichem Gruß
Silja Meyer & Arne Seemann
Sehr geehrter Herr Timmermann,
Ihre Argumente bzgl. der Studiengebühren scheinen uns nicht ganz plausibel. Sie behaupten, dass die anfallenden Kosten durch zwei- stündiges Arbeiten pro Woche erbracht werden können. Überschlägt man das kurz, zeigt sich, dass bei einem für einen Studenten schon guten Stundenlohn von 8€ innerhalb eines Semesters nur 382€ erarbeitet werden. Ihre Rechnung ist in dieser Hinsicht mehr als beschönigend!
Es bestehen durchaus andere Möglichkeiten als die private Finanzierung, denn es sollte auch ein öffentli-ches Interesse an der vernünftigen Ausbildung von Lehrern etc. bestehen. Und auch Firmen haben Inte-resse daran, dass zukünftige Mitarbeiter gut ausgebildet werden. Es lassen sich mit Sicherheit Wege fin-den, die Finanzierung auf mehrere Säulen zu verteilen.
Wir sind außerdem der Meinung, dass Sie den wichtigsten Aspekt in Ihrem Brief ausgelassen haben: Wo-für werden die Gelder letztlich genutzt? Die meisten Studenten werden sich wahrscheinlich eher mit Stu-diengebühren anfreunden können, wenn sie wüssten inwieweit sie einen Nutzen davon haben.
Mit freundlichen Grüßen
Jennifer Hildebrandt, Anne Borcherding, Anna Börmck
Sehr geehrter Herr Timmermann,
mit einigen Ihrer Formulierungen und angeführten Argumente simd wir nicht einverstanden. Es kann kein Argument sein, dass Sie andere Universitäten vorschieben, um Studienbeiträge zu rechtfertigen. Dies ist nichts Anderes als eine Abschiebung Ihrer Verantwortlichkeit. Studienbeiträge können Sie nicht dadurch begründen, dass sie an anderen Universitäten festgelegt worden sind. Studiengebühren unterliegen kei-nem Zwang.
Daraus erschließt sich unser nächstes Problem: Wofür sollen die Studiengebühren genutzt werden und gibt es keine anderen Möglichkeiten, eine Qualitätssteigerung der Universität Bielefeld zu erreichen? Wir sind nicht der Meinung, dass dies auf Kosten der Studierenden, ihrer Eltern und des Lebensstandards ge-schehen darf. Haben Sie schon einmal über die Möglichkeit der organisationalen Finanzierung nachge-dacht? Die Öffentlichkeit und die Wirtschaft haben großes Interesse an gut ausgebildeten Lehr- und Ar-beitskräften, die sie sicherlich auch in Teilen mitfinanzieren würden.
In Ihrem Brief formulieren Sie ein Katastrophenszenario, das sich nur durch die Einführung der Studien-gebühren lösen ließe. Wir sind der Meinung, dass dies auch ohne private Finanzierung zu beheben ist. Konkret heißt das, dass man erst mal die Studiengänge optimiert.
Also: Wofür braucht die Universität Bielefeld unsere 500€? Was würden wir dafür bekommen? Ihre Ein-zelargumente bieten keine Antworten auf die Fragen, welche die Studierenden wirklich interessieren. Wann erfahren die Geldlieferanten Ihre konkreten Pläne? Wir erwarten, wenn wir 500€ zahlen, dass wir eine offensichtliche Qualitätssteigerung in Lehre, Lehrbedingungen und Lehrumgebung erfahren. Wir glauben nicht, dass Sie dies umsetzen können.
Wie sollen wir die 500€ aufbringen? Ihre aufgeführte Rechnung geht nur dann aus, wenn man 15€ pro Stunde verdienen kann. Dies ist utopisch. Oder können Sie uns einen solchen Job mit 2 Stunden Arbeits-zeit pro Woche verschaffen? Wir sind ca. 17.000 Studierende. Viel Spaß bei der Jobvermittlung, um die SIE sich dann kümmern müssten.
Mit freundlichen und appellierenden Grüßen
Stefanie Baier, Ilona Hebel, Franziska Hengstenberg, Sabrina Ossenschmidt
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