Der Morgen

Kein Platz für Hertz an der Uni Bielefeld?

Dezernat „Facility Management“ behindert Arbeit des Campusradios

Das Dezernat „Facility Management“ der Universität Bielefeld hat dem Campusradio Hertz 87.9 mit Schreiben seines Leiters Christian Schepers vom 17. Juni mitgeteilt, das dieses binnen eines Monats seinen Redaktionsraum im Trakt C01 der Universität zu räumen hat. Alternativen wurden den studentischen Radiomachern bislang nicht angeboten, obwohl Rektor Dieter Timmermann Vertretern der Redaktion Ende Juni eine Lösung des Problems in Aussicht gestellt hat.

Der Raum hatte für die Arbeit des Campusradios zentrale Bedeutung. C01-205 beherbergte nicht nur das Archiv für die mehr als 15.000 CDs, es wurden dort auch für den Sendebetrieb nötige technische Geräte gelagert, zudem befanden sich in dem Raum PC-Schnittplätze. „Vor allem aber fanden in dem Raum die wöchentlichen offenen Redaktionssitzungen, journalistische Fortbildungen für die Redakteure von Hertz 87.9 und interessierte Studierende und auch kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen und Konzerte statt“, beschreibt Chefredakteur Denis Sasse die Unverzichtbarkeit eines solchen Raumes für das Campusradio. Nicht zuletzt war er auch zweimal pro Woche Heimat des unter anderem mit der „Goldenen Göre“ des Deutschen Kinderhilfswerks (2003) und dem „Dieter-Baacke-Preis“ der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur GMK (2001) ausgezeichneten Pojekts „Hertz junior“, bei dem Schülerinnen und Schüler der Laborschule Livesendungen produzieren. Das Projekt, in dem angehende Medienpädagogen Berufserfahrungen sammeln können, wird im Übrigen aus Drittmitteln finanziert: Da es von der Universität oder der Laborschule nicht unterstützt wird, mussten die studentischen Macher des Projekts immer wieder Gelder von Stiftungen (Robert-Bosch-Stiftung, Stiftung Westfalen) einwerben.

Auch Hertz 87.9 selbst ist auf Drittmittel angewiesen: Es wird zu einem großen Teil von der Statusgruppe an der Hochschule finanziert, die seit Einführung der Studiengebühren zu einer wichtigen Einnahmequelle der Hochschulen geworden ist – den Studierenden. Durch einen vom Studierendenparlament beschlossenen Beitrag von 70 Cent pro Studierendem und Semester wird zum Beispiel die Miete für den Sender bezahlt. Die Umsetzung der viel beschworenen Verzahnung von Theorie und Praxis – das Campusradio ist anerkannte Praktikumsstelle aller Fakultäten, außerdem ist es Ort eines Radioseminars des Faches Linguistik – sowie die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen bei Hertz 87.9 lebt also vor allem von studentischem Engagement und Geld.

Vor allem ist Hertz 87.9 aber ein Medium – eben das „Campusradio für Bielefeld“. Dass es ein durch die Landesanstalt für Medien mehrfach ausgezeichnetes Medium ist, war auch gut für das Renommee der Universität Bielefeld. Diese dankte dass den ca. dreißig radiophilen Studierenden bislang durch studentische Hilfskraftstellen, die durch das Rektorat sowie die Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und die Fakultät für Pädagogik finanziert werden, und Räumlichkeiten.

Die bis dato gute Zusammenarbeit von Campusradio und Hochschulleitung wurde durch das Schreiben von Herrn Schepers vom 17. Juni offenbar aufgekündigt. Dass dieser der Redaktion zudem noch androhte, allfällige Kosten in Rechnung zu stellen, sollte Raum C01-205 am 17. Juli nicht besenrein übergeben werden, wirft ebenso ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse an der Universität Bielefeld, wie die übrige Kommunikation seitens des Dezernats Facility Management. So wurde der Vertreter der Hochschule im Programmbeirat von Hertz 87.9, Prof. Dr. Klaus-Ove Kahrmann, am 15. Juni vor vollendete Tatsachen gestellt, die er dann der Redaktion mitteilte. Mit dieser wurde vorab kein Gespräch gesucht. So ist wohl auch zu erklären, dass Christian Schepers den Raum für einen Aufenthaltsraum hielt, wie er am 15. Juni gegenüber einem Redaktionsmitglied äußerte. „Eine Nachfrage bei Hertz 87.9 hätte den Technischen Direktor schnell über diese Fehleinschätzung aufklären können“, kritisiert Denis Sasse die Kommunikationsdefizite des Dezernats.

Bezeichnend für die seit einigen Jahren stattfindende Neuausrichtung der Universität ist auch, dass ein studentisches Projekt der Forschung zum Opfer fallen soll: In C01-205 soll nach Informationen von Hertz 87.9 ein Labor für einen Professor eingerichtet werden. Dass nicht nur Hertz 87.9 sondern auch Fachschaften oder die studentische Hochschulgruppe Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) Räume aufgeben mussten, scheint Ausdruck einer neuen Haltung der Hochschule gegenüber der größten Statusgruppe an der Universität Bielefeld zu sein. „Dass studentische Initiativen in Zeiten von Studiengebühren beschnitten werden, spricht dem viel beschworenen Status der Studierenden als zahlende Kunden Hohn“, kritisiert auch die AStA-Vorsitzende Malin Houben die Politik der Hochschulverwaltung.

Die Redaktion von Hertz 87.9 fordert vom Rektorat, ihr einen Ersatzraum zu stellen, damit sie die im Raum des Studierendenparlaments zwischengelagerten Umzugskartons wieder auspacken kann. „Sollte die Hochschulleitung nicht binnen eines Monats eine zufriedenstellende Lösung finden, sind wir gezwungen, den Sendebetrieb ab dem 21. September einzustellen. Denn so können wir nicht arbeiten“, beschreibt Chefredakteur Sasse die Konsequenzen des Raumentzugs.

Zudem hofft die Redaktion, dass die kompromisslose Haltung des Dezernats FM nicht die Folge eines Beitrags von Hertz 87.9 über Dumpinglöhne für die prodiac-Mitarbeiter an der Universität ist (nachzuhören auf: http://radiohertz.de/beta-site/hochschulpolitik/). Christian Schepers hatte diesen in einer Mail vom 29. Juni als „gefärbt“ kritisiert und angekündigt, „Hertz zukünftig direkt an den Pressesprecher“ zu verweisen. Sollte ein Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und der Raumproblematik bestehen, wäre dies eine schwere Beschädigung der Pressefreiheit und der demokratischen Kultur an der Universität Bielefeld.

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